Nicole Pauli

Responsible Tech – AI und Data Governance – Digital Ethics – Soziologie

Ethik im Zuge der “Datafizierung”​ von Organisationen

Data, Data, Data! In der heutigen Zeit kommt keine Organisation mehr am gezielten Sammeln, Speichern und Auswerten von Daten vorbei. Die Art der Daten spannt dabei von Einsichten über Kundensegmente bis hin zu intern generierten Datenpunkten wie den Zeiterfassungseinträgen.

Der Realitätsmythos von Daten

Die Möglichkeiten der Datenanalyse ermöglichen es Unternehmen, Trends viel schneller und präziser zu identifizieren, ihre Produkte auf dem Markt gezielter zu platzieren und die Konsumenten:innen oder Partner:innen besser zu verstehen. Auch als interne Steuerungselemente können Datenauswertungen einen grossen Mehrwert bringen und dem Management als Basis für strategische Entscheide dienen. Die Einführung solcher Analysen und Tools zur Datengenerierung und Datenauswertung kann unter dem Begriff „Datafizierung” in Organisationen zusammengefasst werden. Was Daten aussagen wird häufig für bare Münze genommen und ihnen wird die Fähigkeit zugeschrieben, die Realität 1:1 abzubilden. Dies allerdings ist ein Mythos. Was Daten aussagen, muss lange nicht wahr sein, oder anders gesagt: Daten konstituieren lediglich einen Teil der Realität.

Sogenannte „rohe Daten” gibt es nicht, es handelt sich um ein Oxymoron (vgl. Gitleman 2013). Jeder Datenpunkt wurde durch bestimmte Prozesse gesammelt, gespeichert, bereinigt, weiterverarbeitet und schliesslich ausgewertet. In jedem dieser Prozessschritte steckt Potenzial für Bias, Manipulation oder schlicht Fehler. Zudem werden Daten häufig initial durch Menschen generiert und menschliches Verhalten kann auch online fehleranfällig sein. In Organisationen müssen entsprechend immer auch Fragen darüber gestellt werden, wie mit der Technologisierung und der Datafizierung, besonders mit der internen, umgegangen wird. Wer fällt die Entscheide darüber, welche Daten ausgewertet und wie gespeichert werden?  Wie werden die Daten ausgewertet und visualisiert? Und wer trifft schliesslich strategische Entscheide, auf Basis dieser Daten?

Die Rückkopplungseffekte der Datafizierung in Organisationen

In der Organisationssoziologie werden Initiativen der Datafizierung häufig als Restrukturierungsmassnahmen definiert. Denn sie greifen tief in organisatorische Strukturen ein und verändern etablierte Prozesse teils massgeblich. In den vergangenen Jahren habe ich es einige Male erlebt, dass der Wunsch nach vermehrten Datenauswertungen und Data Dashboards sowie deren Einführungen einen direkten Rückkopplungseffekt auf die bestehenden Prozesse hatten. Projektleiter:innen wurden angehalten in ERP-Systemen neue Eingabefelder zu bedienen, Angestellte wurden zum korrekten Erfassen ihrer Zeiteinträge ermahnt oder neue Meetingformate zur Besprechung bestimmter Datenauswertungen sowie der dazu zu treffenden Massnahmen wurden eingeführt. Die Datafizierung hat somit einen beachtlichen Rückkopplungseffekt auf die Mitarbeitenden in Organisationen. Besonders, wenn Daten unter dem ihnen anhaftenden Realitätsmythos als bare Münze genommen werden.

Der Wunsch nach Datenauswertungen fusst oft auf einem Bedürfnis der Organisationen nach mehr Sicherheit in sich schnell wandelnden gesellschaftlichen Systemen. Eine Sicherheit, welche durch Datenauswertung sicherlich zu einem bestimmten Grade hergestellt werden kann. Allerdings wird dadurch auch der Druck auf die Mitarbeitenden erhöht, deren Erfolg an Daten gemessen und deren Verhalten in Daten gesammelt und visualisiert wird.

Wie kommt jetzt die Ethik ins Spiel?

Vor dem Hintergrund, dass Daten ein Realitätsmythos anhaftet und sie einen Rückkopplungseffekt haben, ist der ethische Umgang mit Datenauswertungen, aber auch der ethische Umgang mit den Mitarbeitenden allgemein in einer Organisation von Bedeutung. Es braucht eine Reflexionsebene, auf welcher Daten-Initiativen in Organisationen gespiegelt werden können und müssen. Was haben jene Daten für einen Effekt auf unsere Mitarbeitenden? Wie hoch sind die internen Kosten, welche wir für eine solche Auswertung zahlen müssen? Kann diese Auswertung (z.B. interner Mitarbeiterdaten) aus ethischer Sicht durchgeführt werden? Oder übertreten wir damit Persönlichkeitsrechte oder werden verletzend? Kann aus unseren korrelierten Daten Rückschluss auf Individuen gezogen werden? Ist es ethisch richtig, Leistung auf Basis einer Datenanalyse zu bewerten? Fragen, mit denen sich eine Ethik-Kommission oder ein Ethik-Board in Organisationen im Zuge der organisatorischen Datafizierung unbedingt beschäftigen sollte.

Im Strudel der Digitalisierung und im Zuge von “New Work” heisst es für Organisationen oft “transform or die” – diese Transformationen muss allerdings vor dem Hintergrund ethischer Prinzipien geschehen. Zum Wohle aller. Deshalb bin ich besonders stolz, haben wir bei Zeilenwerk ein Ethics Playbook verfasst, in dem wir unsere ethischen Grundwerte festgehalten haben.

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About

Begeistert von verantwortungsvollen Technologien, Daten und KI. Interessiert an Gesellschaft, Menschen und Dialog. Kommunikatorin im Herzen. Am Finden der Balance zwischen Ethik und Business.